Das andere Kanada

Farmland bis zum Horizont

 

Östlich von Edmonton erwartete mich ein ganz anderes Kanada.

Völlig ungewohnt war für mich der Anblick von Industrieanlagen. Alberta ist Öl- und Gasland. Kanada verfügt über riesige Öl- und Gasvorkommen und steht bei Umweltschutzorganisationen, wegen fragwürdiger Fördermethoden, in der Kritik. In einer Gegend war ich von Raffinerien und Fracking-Anlagen regelrecht umzingelt. Überall qualmte, zischte es und die Luft vibrierte regelrecht. Ich sah zu, dass ich da weg- kam.
Seit ich das schaffte, fuhr ich durch endloses Farmland. Die Topografie war wellig, ich hatte lange, aber keine steilen Anstiege und bewegte mich konstant zwischen 640 und 680 m Höhe. Der Raps stand hier Anfang August in voller Blüte und dessen süßer Duft begleitete mich Tag für Tag. Unterbrochen wurden die Rapsfelder vom Getreideanbau und Viehwirtschaft.Tourismus gibt es hier nicht. Ich hatte bisher erst einen einzigen Campingplatz und den erreichte ich schon mittags, keine Zeit zum Einkehren. Und auch der Trail ist hier ganz anders. Ich fuhr einen halben Tag im "90°-Zick-Zack-Kurs". Die kleinen Farmroads, alles Schotterpisten, sind im Schachbrettmuster angelegt. Wahrscheinlich hatte man bei der Besiedelung das Land in riesige Quadrate eingeteilt. Und da nicht alle Farmer die Überfahrt ihrer Farm erlauben, musste ich immer wieder im rechten Winkel abbiegen und vom Feldweg auf die Piste und dann wieder umgekehrt wechseln. So strampelte ich mich abwechselnd nach Norden und Osten, wo ich hin wollte, ab, ohne meinem Ziel, dem Smoky Lake, viel näher zu kommen. Dabei querte ich hin und wieder den HWY 28, auf dem ich irgendwann genervt blieb. Auf dem breiten Seitenstreifen fuhr es sich wunderbar, ich kam durch die gleiche Landschaft und auf dem Highway war kaum Verkehr. Dazu kommt, dass der TCT so gut wie nicht ausgeschildert ist. Nur an den ATV-Spuren erkenne ich, ob ich auf dem Trail oder einem Feldweg bin. Denn der Trail verläuft meistens parallel zur Straße und wird hier von den jugendlichen ATV-Fahrern benutzt, da die noch nicht auf die Straße dürfen.
Dies alles zwingt mich zu einem ganz anderen Verhalten. Positiv und negativ. 

Die dichte Besiedelung und der Mangel an Campingplätzen erschwert das Übernachten enorm. Überall sind Zäune und vor kleinen Wegen "lächeln" mich die Schilder "Private Property - no trespassing" an. Aber mit Kompromissbereitschaft fand ich immer ein kleines Plätzchen. Entspannter dabei ist, dass ich keine Bärenregeln mehr zu beachten habe. Ein großer Vorteil sind die kleinen Dörfer, die in kürzeren Abständen aufeinanderfolgen. Ich brauche nicht mehr so viel Vorräte dabei zu haben, kaufe ein bis zwei Tagesbedarfe und kann auch regelmäßig das Wasser auffüllen. Sehr praktisch ist, dass alle Dörfer kleine Parks mit Picknicktischen haben. So fahre ich morgens ins nächste Dorf zum Frühstücken, habe mittags  ein Lunch-Plätzchen und abends nutze ich das letzte Dorf zum Abendessen. Beim Wildcampen spielen sich sonst das Kochen und Essen auf dem Boden ab. Und ich fand bisher morgens und abends auch eine Tankstelle und kann deren "Washrooms" für die tägliche Hygiene nutzen. Auch sehr praktisch!  
Und noch etwas ist ganz anders: Ich bin der einzige Radler. Sowohl auf dem Trail, als auch auf den Highway, bin ich ein Exote.
Ungewohnt sind auch dreistellige Tageskilometer, ohne dass ich es darauf anlege. Es ergibt sich einfach.

Interessant ist, dass ich an den Kirchen, Friedhöfen und Ortsnamen erkennen kann, welche Einwanderer den jeweiligen Ort gründeten und ihn seit dem prägen.        

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Georg Weimer (Samstag, 05 August 2017 07:05)

    Schön, wie das beschreibst, man erkennt bei google auch sehr schön die veränderte Landschaft, sag wie ist es mit den Seen, die es ja auch ghibt, kommst du da vorbei? Ich wünsche dir allzeit Luft im Reifen und die Sonne im Herzen.