Sinnkrise

In Jasper schüttelte mich eine Sinnkrise durch. Irgendwie war die Luft raus. Es kamen mehrere Aspekte zusammen: Am intensivsten beeinflusste mich bestimmt meine körperliche Erschöpfung. Ich hatte nach fast 2.500 km und zwei Monaten in den Bergen wohl die Grenze meiner Kräfte erreicht. Dann atmete Jasper als Ende des Icefield Parkways so etwas wie Schlussstimmung aus. Und ich bin innerlich „berggesättigt“. Ich will nicht mehr hoch und runter und den Horizont von Bergen verstellt sehen. So schön die Berge in Kanadas Westen auch sind. Deshalb habe ich einfach keine Lust mehr, die 320 km auf der gleichen Route zurückzufahren. Dazu kommt, dass der TCT ab Calgary wieder in den Norden nach Edmonton führt, was fast genau auf der Höhe von Jasper liegt. Ich muss also ein großes „U“ fahren, nur um Calgary zu sehen und von dort nach Edmonton durch Farmland zu fahren. Farmland gibt es auf dem Weg in den Osten mehrere Tausend Kilometer!!! Und der TCT hat zwischen Calgary und Edmonton die größten Lücken, die es ohnehin in Eigenregie über Landstraßen zu überbrücken gilt.
Ich las im Reiseführer, dass Calgary die „US-amerikanischte“ Stadt Kanadas ist. Amerikanische Städte kenne ich zur Genüge, ich war in fast allen großen. Ein Museum über die Geschichte der First Nation fand mein Interesse. Aber wegen eines Museums insgesamt 930 km mit dem Rad zu fahren. Auch dieser Gedanke hob meine Stimmung nicht gerade.
Ich recherchierte im Internet, rechnete Kilometer und Wochen und stellte fest, dass ich bei meinem bisherigen Kilometerschnitt pro Woche frühestens Mitte Oktober in Winnipeg sein würde. Mit „Chance“ hat dort dann schon der Winter an die Tür geklopft. Allerdings war mir klar, dass mein Kilometerschnitt im bergigen Westen niedriger war, als der in Mitte Kanadas mit hoher Wahrscheinlichkeit sein wird. Aber ich hörte auch, das die Prärie sehr wellig sein soll. Es gab somit unbekannte Faktoren. Ich musste mir eingestehen, dass ich Kanada unter- und mich überschätzt hatte und ich ein wenig umdisponieren muss.
Mit all diesen Gedanken ging ich betrübt ins Bett. Am nächsten Morgen war mir klar, auf Calgary zu verzichten und von Jasper direkt nach Edmonton zu reisen. Und zwar mit der Bahn!!! Denn hier kommt Via Rail Canada von Vancouver nach Toronto durch. Ich verbinde so die beiden oberen Spitzen des „U“, statt es zu fahren, erspare mir durch das "Schwänzen" von 610 TCT-Kilometern die östlichen Ausläufer der Rockies und gönne dem Körper noch einen zusätzlichen Tag Pause. Da der Zug nur zweimal die Woche fährt, verlängerte ich meinen Hostelaufenthalt bis Montag, fuhr zum Bahnhof und buchte für 94,- $ ein Seniorenticket.

 

Was so ein kleiner Papierschnipsel wie ein Ticket doch ausmacht. Und ich hatte eine Entscheidung getroffen! Nun habe ich wieder die Chance, rechtzeitig in Winnipeg anzukommen, lasse (zumindest die hohen) Berge hinter mir und ein ganz anderes Kanada erweckte meine Neugierde.
Ich war wieder gut drauf!!!    

 

Das einzige Problem: Der Zug kommt erst um Mitternacht in Edmonton an und wegen der Waldbrände in British Columbia wurde am Bahnhof auf eine eventuelle, erhebliche Verspätung des Zuges hingewiesen. Ich würde kaum noch im Hostel einchecken können und bin dann mitten in der Nacht in einer kanadischen Großstadt. Aber das löse ich, wenn es soweit ist!         

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Georg Weimer (Montag, 31 Juli 2017 17:47)

    Es rührt mich, wie ehrlich du alles beschreibst. Ich wünsche dir alles Gute und freue dich auf eine spannende Zugfahrt.
    Lass dich im Geiste umarmen. dein Volksdorfer

  • #2

    Der Heidjer Radler (Montag, 31 Juli 2017 20:30)

    Flexible zu sein, auf solcher Reise DAS muss sein. Es ist bestimmt ein gute Entscheidung.
    "Ach ja", wir sind damals nicht weiter als Jasper gekommen. Also ab hier kann ich nur noch Ihre interessanten Abenteuerberichte lesen und etwas Träumen. Ich freue mich schon auf weitere Berichte.
    Ich wünsche Ihnen noch ein paar erholsame Tage.