Grizzly-Alarm im Kananaskis Country

Einer meiner schönsten Übernachtungsplätze des Tour.

Alberta begrüßte mich gleich knackig. Steile Anstiege und steile Abfahrten auf grober Schotterpiste. Das Fahrrad zu schieben ist für einen Radler immer eine kleine Schmach. Ich musste sie öfters ertragen. Aber mein Ego wurde wieder aufgerichtet, als ich sah, dass selbst die jungen Männer mit ihren High-Tech-Mountainbikes ohne viel Gepäck die „Uphills“ hinaufschoben.
Das Kananaskis Country ist hier sehr bekannt. Es ist die „Outdoor-Spielwiese“ der Millionenmetropole Calgary, hat ein fantastisches Bergpanorama und ist Teil der „Great Divide“, der sogenannten kontinentalen Wasserscheide. Durch den Verlauf der Bergketten von Alaska bis nach Mittelamerika fließen die Flüsse mal nach Westen in den Pazifik, nach Norden in den Arktischen Ozean, nach Osten zum Atlantik oder nach Süden in den Golf von Mexiko.
Von dem tollen Bergpanorama hatte ich nicht immer etwas, da die Waldbrände hinter der Bergkette so viel Rauch in das Tal pusteten, dass ich nichts oder nur Schemenhaftes sehen konnte. Das war sehr, sehr schade. Denn ich wusste von Fotos, was ich da verpasste.
Der TCT folgt hier für 15 km dem „Highway 742“, eine üble Waschbrettpiste mit tiefem Schotter. Das Fahren war schlimm. Immer musste ich die beste Spur suchen und fuhr mehr Schlangenlinie als geradeaus. Und es war staubig. Viele Autofahrer bemühten sich zwar, mich nicht zu sehr einzustauben, aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Nach einer Stunde waren das Rad und ich komplett grau eingestaubt und zwischen den Zähnen knirschte es.
Auf einem sehr schön gelegenen Rastplatz richtete ich mich zur Nacht ein und hatte hier Glück, denn das Tal war rauchfrei und ich hatte tolle Blicke auf die bis zu 3.500 m hohen Bergriesen. Dies war in fast 1.900 m Höhe einen meiner schönsten Campingplätze dieser Reise. Es war nachts so kalt, dass ich mir im Schlafsack noch ein Merinoshirt und Socken anzog, um nicht zu frieren. Am nächsten Morgen waren das Zelt und die Umgebung mit silbrigen Raureif überzogen und das Thermometer zeigte minus 4 ° an. Das Zelt in diesem Zustand einzupacken geht nicht und so musste ich leider, leider noch zwei Stunden im kuscheligen Schlafsack bleiben, bis die Sonne über die Berge kam und die Wärme brachte. 
Normalerweise verlässt der TCT diese schreckliche Piste, um am Westufer des Spray Lake immer dem Spray River bis nach Banff zu folgen. Doch hier gab es Grizzly-Alarm.  Eine Grizzly-Mutter hatte sich mit ihren zwei erst sechs Monate alten Jungen im Bereich des Trails eingerichtet. Und weil in dem Alter die kleinen Bären sehr neugierig sind und ungestüm auf alles Neue, auch Wanderer und Radfahrer, zustürmen, war sie entsprechend aggressiv und hochgefährlich. So sahen die Ranger sich gezwungen, zum Schutz beider Seiten, den TCT zu sperren und uns wieder zurück auf die 742 zu schicken. Das war ein Umweg über Canmore von 30 km. Da ich beim Zustand des 742 nur langsam vorankam, war meine pünktliche Ankunft in Banff nicht mehr möglich und meine Reservierung drohte zu platzen.
Ich entschied mich, den Rest bis nach Canmore einen Pick up zu bitte, mich mitzunehmen.
Jedes Mal wenn ich im Rückspiegel die Staubwolke sah, stoppte ich um zu sehen, ob es ein Pick up war. Wenn ja reckte ich den Daumen hoch. Aber man winkte mir nur freundlich zu. Ich vermute, mein hochgestreckter Daumen wurde als Dank für das langsame, staubärmere Fahren missverstanden. Also wedelte ich beim nächsten Wagen ordentlich mit den Armen und der hielt auch sofort an. Nach einer kurzen Erklärung wurde das Rad verladen und ich hatte ein Riesenglück, denn auch er hatte Canmore als Ziel. Mit dem Auto waren wir schnell die restlichen 20 km nach Canmore gefahren. Von dort fuhr ich den Lagacy Trail bis nach Banff. Das ist ein asphaltierter Fahrradweg, der leider direkt neben dem Trans Canada Highway, der hier eine 6-spurige Autobahn ist, führt. Viele abendliche Freizeitradler benutzen diesen Weg. Einer meinte ganz begeistert, wie toll doch dieser Trail wäre. Ich war lediglich vom Zustand angetan. Aber parallel zur Autobahn ist nicht gerade das prickelnde Kanadaerlebnis. Dazu kam, dass auch dieses Tal mit Rauch gefüllt war und ich nicht viel von der spektakulären Aussicht hatte, dafür gereizte Schleimhäute und brennende Augen.
Aber ich kam doch noch pünktlich nach Banff.          

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Georg Weimer (Montag, 24 Juli 2017 08:58)

    Danke lieber Erni, für den Bericht, pass auf dich auf. Dein Volksdorfer Jung, Lau im Baltikum, Si in Frankreich und ich daheim.

  • #2

    Georg Weimer (Donnerstag, 27 Juli 2017 08:37)

    Hoofentlich biegt du bald nach links ab nach Hinton, um wieder Empfang zu haben. Alles Gute, dir

  • #3

    Ernst (Freitag, 28 Juli 2017 03:16)

    Ja, lieber Georg!
    Bin seit 2 Stunden in der jugendherberge in Jasper und hoffe, hier eine gute Internetverbindung zu haben, damit ich den Blog aktualisieren kann.
    Ich wuensche dir schoene Ferien und Gruesse an Silke und Laurens, wenn sich einer von den Beiden mal meldet.

  • #4

    Georg Weimer (Samstag, 29 Juli 2017 11:32)

    Das Park Place Inn ist wunderbar per Satellit zu sehen, ich hoffe du erholst dich freu dich an jedem Erlebnis, das du hast.