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Erstes Resümee - ich bin angekommen.

Nach sechs Wochen und 1.800 Fahrradkilometern ist es an der Zeit für ein weiteres Resümee. Wie geht es mir in diesem Land und vor allem, wie lebt es sich im „Draußen“?

Um es zusammenzufassen, ich bin hier angekommen.

Von den aufgeschlossenen Menschen und deren großen Hilfsbereitschaft berichtete ich bereits.

Ich selbst brauchte eine Weile, um mich an dieses gänzlich andere Leben zu gewöhnen. Seit Vancouver schlafe ich (bis auf die zwei Nächte bei Anni und Jim) draußen. Am Tage gar nicht und nachts nur durch einen Millimeter Zeltstoff von der Außenwelt getrennt. Und diese Welt ist ganz anders als in Europa. Ich schreibe bewusst Europa, denn deutsche Maßstäbe sind hier in jeder Hinsicht unangebracht. Deutschland passt in Kanada 28 Mal hinein und hat nur 35 Millionen Einwohner. Und von denen leben fast 20 Millionen in den großen Städten, die sich überwiegend im südlichen Teil des Landes, nicht weit zur Grenze der USA, befinden. Der „Rest“ des Landes ist, gemessen an unserer Bevölkerungsdichte, also nahezu menschenleer. Übertrage ich meine bisher gefahrenen Kilometer auf europäische Straßen, bin ich gerade in Barcelona angekommen. Aber das sind „nur“ Zahlen zur Orientierung. Was bedeutet dies für mein tägliches Leben?

Nun, ich habe hier ganz andere Kriterien, die mein Leben bestimmen und die wichtig, zum Teil überlebensnotwendig, sind.

Ich trage keine Uhr. Die brauche ich nicht. Die Zeit ist völlig unwichtig. Wann geht die Sonne auf, wann unter, wann wird es heiß, wann kühlt es wieder ab? Das sind meine „zeitlichen Kriterien“. Meine Lebenskriterien sind: Wo gibt es Wasser, Lebensmittel und wo habe ich ein Kommunikationsnetz zur Verfügung, sprich Kontakt zur Außenwelt? Dazu kommen Themen wie Entfernungen und Steigungen, Trailzustände und Bärenaktivitäten. Und zurzeit leider noch das Thema Waldbrände. Ich war schon tagelang fast nur im Wald unterwegs. Da sind Windrichtung, Orts- oder Straßennähe und die Entfernungen zu Flüssen und Seen wichtig für mich.

Anfangs hat mich diese gewaltige Natur eingeschüchtert. Ich hatte nie Angst. Aber das Gefühl, jederzeit auf alles gefasst sein zu müssen, hat mich ständig begleitet. Und das Wissen, das ich meistens auf mich alleine eingestellt sein muss, war auch ungewohnt. Ich dachte viel zu europäisch und deutsch: Vorhandene Infrastruktur und überall gibt es irgendeine Behörde oder Einrichtung, die zuständig ist und organisiert oder regelt. Was habe ich auf den ersten 500 km geschimpft, wenn auf einem Trail etwas anders war, als auf der Karte verzeichnet oder Informationen in der Realität nicht stimmten. Mittlerweile lernte ich, dass Kanada und vor allem seine Natur nicht organisierbar und schon gar nicht regelbar sind. Verlasse ich einen Ort, bin ich meistens nach wenigen Kilometern in der Wildnis und ihren Kräften ausgesetzt. Die Dimensionen und Naturgewalten erzeugen eine tägliche, teilweise stündliche Unberechenbarkeit.

Dazu kommt, dass die jeweils lokale Einwohnerzahl auch nicht die Installation einer helfenden Infrastruktur rechtfertigt. Um beispielsweise 100 km eines Trails für deren 2-4 Nutzer am Tag tagesaktuell zu halten, bräuchte man mehr Menschen, als in der Nähe des Trails überhaupt leben. Und selbst wenn der Trail vormittags noch kontrolliert würde und der Zustand gut war, kann ein kurzes Gewitter Wassermassen erzeugen, die einen Teil des Trails am Nachmittag unpassierbar machen.

In diesem Land gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Wer sich in die Natur begibt, muss auf sich selbst eingestellt sein und die Regeln der Wildnis akzeptieren! Dies kann man an einer winzigen Kleinigkeit ablesen. Ich vermisste Papierkörbe an den Trails. Selbst am Beginn und am Ende gibt es keine. Hier gilt überall der Spruch: „Take in, take out“. Was du mitbringst, musst du wieder mit herausnehmen. Hier ist niemand dafür zuständig, deinen Müll zu entsorgen. Das musst du schon selbst machen.

Inzwischen ist meine anfängliche Einschüchterung dem Gefühl einer fast grenzenlosen Freiheit gewichen und ich fühle mich sehr lebendig. Begegne ich an 3-4 Tagen keinem Menschen, habe ich fast das Gefühl, Bestandteil der Wildnis geworden zu sein.

Mit dem Rad durch die extreme Weite der Natur zu fahren, unter mir der Trail und das gleichmäßige Knirschen der Reifen auf den Steinen in den Ohren, links und rechts Wald und über mir das Blau des Himmels, ist wie Meditation. Ich hänge irgendwelchen Gedanken nach oder denke auch gar nicht. Dass Alleinsein in der Natur zwingt dich zu einer Reise zu dir selbst, ob man das will oder nicht. Es gibt kein Ausweichen.

Ich vermisse kein Fernsehen und Radio und meine Musik sind die Geräusche der Natur. Vor dem Einschlafen lese ich manchmal ein wenig im EBook. Aber meistens war der Tag so anstrengend, dass der Kopf schon schläft, wenn der zweite Fuß in den Schlafsack schlüpft.

Habe ich lange keine Menschen gesehen, freue ich mich über die erste Begegnung und das Gespräch. Nach zwei Tagen auf einem Campingplatz freue ich mich, wieder alleine unterwegs zu sein.

An die permanente Möglichkeit einer Bärenbegegnung habe ich mich gewöhnt und die Regeln für uns Menschen sind in meine tägliche Routine übergegangen. Die Wildnis hat meine Sinne sensibilisiert mit ihrer Urkraft umzugehen. Es ist schwierig eine Übernachtungsstelle zu finden, die alle „Bärenkriterien“ erfüllt. Besonders das immer propagierte „3 Meter in die Luft hängen“ der Lebensmittel ist selten möglich. Dann lasse ich die Packtaschen am Rad und stelle dies mindestens 100 m entfernt vom Zelt ab. Lieber eine zerrissene und geplünderte Packtasche als ein kaputtes Zelt, in dem ich lag. Die Bevölkerung warnt mich immer wieder vor den "Cougars" (Berglöwen). Die Behörden konzentrieren sich auf Bären. Entweder verschlafen die das Thema Berglöwen oder die Menschen dramatisieren. Bisher machte ich die Erfahrung, dass die Tiere sich zurückziehen, wenn du sie rechtzeitig wissen lässt, dass du gerade zu Gast bist. Trotzdem trage ich immer das Bärenspray im Holster „am Mann“.

Und die Sicherheit vor den Menschen? Auch die ist nicht 100%ig. Meine Art zu reisen bedingt ein Grundvertrauen in die Gesellschaft und mein Glück. Ich kann mich nicht, und mittlerweile will ich das auch nicht mehr, vor allem schützen. Anfangs fuhr ich wieder weg, wenn ich das Rad nicht anschließen konnte. Wenn es aber auf 100 km nur dieses eine Geschäft gibt, muss das Abschließen ausreichen. Und ich kann auch nicht alle Packtaschen abnehmen und mit hineinschleppen, nur weil ich mich nach etwas erkundigen will oder meine Wasserflaschen auffüllen muss.

Ich habe gelernt, mich auf mein Lebensglück zu verlassen. Auch das ist bereits eine schöne Erfahrung dieser Reise.

 

 

                                                                                                            

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Georg Weimer (Freitag, 14 Juli 2017 22:50)

    ich umarme dich, danke dir mein Guter. ich begleite dich und deinen Emngel.

  • #2

    Christiane Metz (Donnerstag, 12 Oktober 2017 09:00)

    GRATULATION - Sie sind ein Mensch, der mit sich selbst zurechtkommt, und in sich ruhen kann.
    Nur wer Mut zum und Vertrauen in das Leben hat, kann das erfahren. GRATULATION!

  • #3

    Ernst Weber (Donnerstag, 12 Oktober 2017 22:49)

    Ja, das stimmt Frau Metz. Auch das ist eine wertvolle Erfahrung dieser Reise. Es war mir vorher nicht bewusst.