Aufgeben? Wer schafft wen? Der Trail mich oder ich ihn?

Der Kootenay Lake von der Fähre aus.

Geht es jetzt richtig los? In diese Berge muss ich.

 

Von Castlegar bis zum Kootenay Lake musste ich auf dem Highway (der hier eine kleine Landstraße ist) fahren. Hier ist Feriengebiet und für hiesige Verhältnisse eine enge Besiedelung. Die Grundstücke entlang dem, zum Teil seebreiten, Kootenay River sind meistens im Privatbesitz und mit schönen Häusern inclusive Bootssteg bebaut. So ist es wohl schwierig, hier einen Trail zu realisieren. Der Vorteil war, dass ich abends noch bei der Fähre ankam, denn um den Kootenay Lake führt keine Straße herum.

 

Beim Blick von der Fähre überkamen mich gleich zwei Gefühle: Zum einen der schöne Blick, zum anderen die Höhe der Berge. Ich wusste, dass ich dort irgendwie durch musste. Nicht weit von der Fähre entfernt, fand ich am anderen Ufer einen schön gelegenen, gepflegten Campingplatz.

 

 

Am nächsten Morgen war ich früh unterwegs und erreichte nach kurzer Zeit den Abzweig zum TCT, der hier dem Gray Creek Pass folgt. Fürsorglich steht hier ein Schild mit Hinweisen auf Wasser- und Lebensmittelvorräten, das Radfahrer Ersatzteile dabei haben sollten und das es keine Kommunikationsmöglichkeiten gibt. Und das es erst 25 km hoch auf 2.080 m geht und dann 27 km wieder bergab. Die Passstraße beginnt als gepflegte Schotterpiste. Ich hielt vorsichtshalber zwei Autos an, um mich nach der Befahrbarkeit zu erkundigen. „Na klar“, waren die Antworten. Nach fünf Kilometern bog die Piste ab und ein Trail, als TCT ausgeschildert, begann. Und dann ging es schon los. Steil berghoch und je höher ich kam, desto schlechter wurde der Trail. Mittlerweile brannte die Sonne erbarmungslos auf mich herunter. Dann das Schild 16% Steigung. Ich musste im 1. Gang aus dem Sattel und im Stehen fahren. Aber das funktionierte nur wenige Meter, denn auf dem losen Geröll drehte das Hinterrad durch. Also war Schieben angesagt. 16% Steigung auf losem Geröll bedeutet, das Rad schräg hochzustemmen, was wiederum zur Folge hatte, dass ich permanent mit den Füßen wegrutschte. Nach einem Kilometer dieser Qual hielt ich an und sah auf die Straßenkarte und „befragte“ das GPS. Ergebnis: Würde ich umkehren, müsste ich einen Umweg von 250 km auf Highways in Kauf fahren. Der Trailabschnitt hier war nur 60 km lang. Ich entschied weiter zu machen und fuhr und schob abwechselnd. Länger als einen Kilometer konnte ich nie fahren, dann war ich zu erschöpft. Nach einigen Kilometern hatte ich einen Rhythmus von 500 m fahren und 500 m schieben. Irgendwann konnte ich nicht mehr und dachte ans Aufgeben. Der TCT hatte mich geschafft! Im Schatten ruhte ich mich aus, aß gleich zwei Powerriegel und trank kühlen Tee aus der Thermosflasche. Und ich rechnete: Wieder zurück, wann bin ich unten, wo würde der nächste Campingplatz sein, usw. Ich kam wieder etwas zu Kräften und das ungute Gefühl eines angeknacksten Stolzes einer Aufgabe, ließ mich weitermachen. Doch schon nach wenigen Kilometern waren die Zweifel wieder da. Es war frustrierend auf dem Tripcomputer zu sehen, dass ich nur noch im Meter- statt Kilometerbereich unterwegs war. Mittlerweile hatte ich eine Höhe erreicht, dass es wenigstens kühler war. Die Gedanken ans Aufgeben kamen mit dem Nachlassen meiner Kräfte in immer kürzeren Abständen. Ich hatte aber bereits 18 km geschafft. Ein Umkehren wäre ein Verrat an meiner bisherigen Leistung gewesen. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Ich entschied nein! Und quälte mich 500 meterweise die restlichen 7 km bis zur Passhöhe. Das GPS zeigte 2.073 m an. Mit zitternden Armen und Beinen stellte ich mich auf den Schnee. Ich hatte den TCT besiegt und nicht er mich. Dann stellte ich fest, dass ich fror. Hier oben wehte ein kalter Wind. Seit Langem öffnete ich mal wieder die Packtasche für warme Kleidung und kochte im Pullover einen heißen Kaffee und verputze das Gebäck für zwei Tage. Bergab brauchte ich nur auf dem Rad zu sitzen und zu bremsen. Die Abfahrt hatte aber auch nur eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 8 km/h, da der Trail einfach zu schlecht beschaffen war. Bei höherer Geschwindigkeit, hätte ich das Rad kaputtgemacht und wäre mehrfach gestürzt. Mein Schatten wurde immer länger, die Dämmerung setzte ein und ich war vom Ziel des St. Mary Lake und dem dortigen Campingplatz noch immer über 20 km entfernt. An einer etwas breiteren Stelle mit ein wenig Gras überlegte ich gerade, wie ich hier das Zelt aufstellen könnte, als ein großer Allradwagen vom Pass herunterkam. Der Wagen stoppte und mir wurde freundlich Wasser angeboten. Die beiden stellten sich mit Anni und Jim vor und waren sehr angetan, dass ich den Pass geschafft hatte. „Wir wohnen in Wycliffe nur einen Kilometer vom TCT entfernt. Komm morgen vorbei, du kannst im Garten zelten, hast eine Dusche und zum Dinner gibt es Hirschsteak. Du brauchst eine Erholung.“ Unter „Ich bin wieder da und Nachtrag zu meinen Gastgebern„ kann mein Besuch bei Anni und Jim nachgelesen werden. „Wenn du noch Kraft für 10 km hast, fahre zur Brücke. Gleich rechts hinter der Brücke, direkt am River ist eine schönere Campingstelle als hier“.        
Die 10 km schaffte ich auch noch. Zum Abendessenmachen hatte ich keine Energie mehr. Eine Banane und ein paar Hände voll mit Trail Mix mussten reichen. Ich zog mich aus und wusch mich gründlich im Fluss. Ich war wieder dermaßen eingestaubt, so konnte ich nicht in den Schlafsack kriechen. Bevor ich dies machte, schoss ich noch ein „nächtliches Vollmondfoto“, denn es war bereits dunkel.   

Später erfuhr ich, dass der Gray Creek Pass erst am 1. Juli geöffnet wurde.

 

             

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Brigitta (Samstag, 15 Juli 2017 10:00)

    Hallo Ernst,
    alle Achtung!!! Das hört sich verdammt anstrengend und kraftraubend an. Umso schöner, dass du es durchgehalten und den inneren Schweinehund überwunden hast. Unglaublich wie gastfreundlich die Canadier sind, dass macht bestimmt auch das Besondere an so einer Reise aus, die netten Bekanntschaften, die du unterwegs machst.
    Viele Grüße aus good old Germany
    Brigitta

  • #2

    Georg Weimer (Samstag, 15 Juli 2017 10:17)

    Wunderbare Beschreibungen, ich fühle deine Grenzerfahrungen. Sei achtsam, mein lieber Ernst, ich danke dir für deine so offenen Berichte, du hast dich besiegt. Leb wohl.

  • #3

    Der Heidjer Radler (Montag, 24 Juli 2017 21:35)

    Ich bin wieder aus Kanada und USA zurück in Buchholz.
    Hier lese ich über deine Übermenschliche Leistung und deiner Willenskraft.
    Einfach Klasse was Du da uns lieferst mit deinen Berichten.
    Danke.

  • #4

    Christiane Metz (Donnerstag, 12 Oktober 2017 16:31)

    das ist ja eine Qual!!!