Bin ich denn in Tirol?

Da für heute 35° angesagt waren, stand ich um 5 Uhr auf, um möglichst viel in der morgendlichen Frische fahren zu können. So war ich um 7 Uhr schon auf dem Trail. Ich wusste, dass ich von 630 auf fast 1.200m hoch musste. Auf dem Trail sind Gefälle und Steigungen immer zwischen 2,2 bis 2,9 %. Mehr schafften die Züge nicht. Ich dachte mir, was früher die Dampfloks schafften, kann ich als altes Schlachtross auch. Und so war es auch. Mit gleichmäßigem Tritt, die Beine arbeiteten wie eine Singer Nähmaschine, pedalierte ich die Steigung hoch. Nach einer Stunde war ich bereits auf 860m, als ob da oben Helene Fischer im Bikini ein Lied für mich trällern würde. Oben angelangt hatte ich die schönste Almlandschaft um mich herum. Fast wie in Tirol. Weite, hügelige Wiesen, ab und zu von Wald unterbrochen und am Horizont schneebedeckte Berge. Was für ein Genuss! Dies war einer der schönsten Abschnitte, den ich bisher auf dem Trail hatte. Ich sog die Landschaft regelrecht in mich hinein. Es war einfach nur schön.

Auf halber Strecke war das dann leider vorbei. In Abständen von wenigen Kilometern kam die erste ATV-Zufahrt, dann die zweite, die dritte und der Trail war wieder kaum befahrbar. Dazu kam noch der Abschnitt um von 900 auf 1.200m zu klettern und das Thermometer zeigte fast 38° im Schatten. Eigentlich hatte ich ja geplant, früh viel Strecke zu schaffen, um in der Mittagshitze im Schatten Pause zu machen. Aber hier oben gab es keinen Schatten. Hätte hier ein Zweig einen kleinen Flecken Schatten gespendet, ich hätte mich darunter zusammengerollt. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit Lichtschutzfaktor 60 einzucremen, lange Hose und langärmliges Hemd hatte ich ohnehin schon an, und mich da hoch zu schinden. Die Trailbeschaffenheit wurde immer schlimmer und ich wurde zum Wanderer mit Fahrrad. Da an meinem Ziel das Örtchen Bankier, sowohl ein Campingplatz als auch ein Lädchen in der Trailkarte verzeichnet sind, trank ich alle meine Wasservorräte aus. Leute ich sage euch, beim Campingplatz angekommen, fiel ich fast vom Rad. Und was stellte sich heraus? Hier gab es weder ein Geschäft noch eine Tankstelle und der Campingplatz bestand aus einigen Stellplätzen mit Picknicktisch und einem stinkenden Plumpsklo. Da guckte ich nun mit trockener Kehle und leeren Wasserflaschen auf den See und konnte trotzdem nicht trinken. Weil in Kanada viele Seen und Flüsse mit dem Geradia-Parasiten kontaminiert sind, sollte man vom Trinken absehen. Dafür habe ich meine Handpumpe mit einem speziellen Filter mit und kann mir mein Trinkwasser selbst "herstellen". So stand ich nach Wasser lechzend bis zu den Knien im See und pumpte und pumpte - doch die Pumpe spukte einfach kein Wasser aus.

Wenn die Not am größten ist, naht Hilfe. Am Picknicktisch zerlegte ich gerade die Pumpe, als zwei Radler, Tom und Christian aus Berlin ankamen. Auch ohne Wasser. Auch sehr durstig. Tom ist von Beruf Spezialist für Wasseraufbereitung und hatte die Pumpe nur wenige Minuten in den Händen und wir hatten Trinkwasser. Ein Rückschlagsventil saß nicht richtig. Deshalb lief das Wasser wieder in den See, statt in den Wassersack.

Wir tauschten uns noch über unsere Erfahrungen aus, die beiden fuhren von Ost nach West und zogen uns früh in die Zelte zurück.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Theels (Sonntag, 02 Juli 2017 20:33)

    Lieber Etnst, wir sind jetzt in der Provence und verfolgen weiterhin Deine Tour - mit Bewunderung!

  • #2

    Ernst (Sonntag, 02 Juli 2017 20:47)

    Liebe Helga und lieber Günther,
    toll das Ihr mich weiterhin begleitet.
    Ich wünsche euch eine schöne Zeit in der Voute!
    Euer Ernst

  • #3

    Günter Theel (Freitag, 21 Juli 2017 13:47)

    Lieber Ernst, Du kannst uns mit Deinen Leistungen schon schwer beeindrucken! Aus der Provence, die wir morgen früh verlassen, senden wir Dir ganz liebe, herzliche Grüße - Inga und Günter - von daheim aus dann.mehr. du bist täglich in meinen Gedanken, begleitet von guten Wünschen.