Tschüß Vancouver und Wasserschlacht

Wie auf dem Display des Tripcomputers zu sehen ist, habe ich die ersten 500 km vollgemacht. Wenn ich allerdings auf die Karte sehe, bin ich gerade erst "um die Ecke".

Die Ausschilderung des TCT ist in Vancouver sehr gut und so kam ich fast zügig aus der Stadt heraus. Fast? Nun, manchmal war ich mir nicht sicher, ob ich in San Francisco oder in Vancouver radelte. Es gab wieder ein heftiges Auf und Ab. Bei einer langen Straße konnte ich immer nur die Hügelspitzen sehen. Die Vororte von "Greater Vancouver" zogen sich endlos hin, so dass es schon nachmittags war, als ich endlich die Häuser hinter mir ließ. Und schon passierte es wieder.

Hier gibt es so viele regionale Trails. Und alle sind irgendwie miteinander verbunden. Aber bei keinem stand, welcher nun zum TCT gehört. Ich fuhr also mehr nach Himmelsrichtung, als nach Kenntnis. 

An einer der vielen Trailkreuzungen frug ich zwei "jüngere Herren in meinem Alter", die auf ihrer Feierabendtour waren, wo denn hier der TCT sei. Sie wussten es auch nicht, bemühten aber eine App und kamen zum Ergebnis, dass ich zu einer bestimmten Brücke zum Fraser River müsste. Das hörte sich gut an, denn ich wusste, dass der Trail irgendwann am Ufer des Flusses entlang führt. Kurzerhand änderten sie ihre Route und ich hatte Begleitservice mit nettem Schwätzchen. Nach gut 20 km waren wir an der besagten Brücke und die zwei verabschiedeten sich. Sehr nett! Und da entdeckte ich auch schon das vertraute TCT-Logo. Danach fuhr ich eine schöne Strecke, überwiegend auf einem Deich, immer am Fluss entlang.  

 

Der TCT (für Neueinsteiger: Trans Canada Trail) hat eine zentrale Verwaltung, die delegiert die Realisierung und Unterhaltung an die Provinzen (vergleichbar mit unseren Bundesländern) und die an die Landkreise und die......usw. Bei über 24.000 km passieren da schon mal Pannen. Auch stelle ich immer wieder fest, wie unterschiedlich engagiert die jeweiligen Verantwortlichen sind. Einige arbeiten perfekt, andere scheinbar gar nicht. Wie das so im Leben ist. In Deutschland ist es nicht anders - oder?

Und so passierte es: ich träumte bei schönem Rückenwind vor mich hin, machte Kilometer um Kilometer und auf einmal hatte ich die Wahl. Entweder ich fuhr ins Wasser oder gegen die Absperrung der Autobahn. Nichts ging mehr. Das bedeutete 15 km zurück zu einer Brücke über die Autobahn. Diesmal langsamer, da jetzt gegen den Wind. Und auf der anderen Seite wieder 15 km bis zum Trailanschluss jenseits der Autobahn. Der Trail ist wohl noch nicht lang genug, dass man hin und wieder so "kleine Verlängerungen" einbaut.

Die Zeltplätze am Ufer waren alle sehr voll, sehr teuer und sehr unkomfortabel. Am anderen Ufer ist eine Eisenbahnstrecke und dort rattern fast pausenlos, unglaublich lange Güterzüge, alle mit drei hintereinander gekoppelten, schweren Dieselloks. Der Vorschrift entsprechend warnen die Lokführer vor jedem Bahnübergang mit einem markerschütternden Signal.

Nach einigen Kilometern entdeckte ich, einem menschlichen Bedürfnis folgend, auf einer Wiese eine vom Trail nicht einsehbare Stelle und beschloss, dort mein Nachtlager aufzuschlagen. In dieser Nacht schlief ich allerdings nur "Zug um Zug". Da war der nachts einsetzende Regen mit seinem gleichmäßigen Prasseln auf dem Zeltdach eher einschläfernd.

Es hatte sich so richtig eingeregnet, nein eingeschüttet. Auch am nächsten Tag goss es aus allen Eimern. Auf den geraden Flächen schwamm so viel Wasser, dass die Regentropfen beim Aufprallen Blasen bildeten und bei Anstiegen teilte das Vorderrad die entgegenkommenden Strömungen in zwei Hälften.

Von der schönen Landschaft um mich herum bekam ich nichts mit. Ich hatte das Gefühl, mit dem Kopf die Wolken zu berühren. An dieser Stelle muss ich ein Lob an meine Regenkleidung loswerden. Sie hielt absolut dicht, von außen klitsche nass, von innen warm und trocken. Mir blieb nichts anderes übrig, als Radzufahren. Sobald ich stand, kroch eine klamme Kälte in mir hoch. Die Dämmerung setzte ein, ich sah ohnehin nicht viel und würde in kurzer Zeit gar nichts mehr gesehen haben. Und müde nach der lauten Nacht war ich auch. Direkt neben dem hier asphaltierten Trail sah ich eine schmale Rasenfläche und entschied spontan, für heute Schluss zu machen. Für eine heisse Dusche hätte ich gerne einen Campingplatz gehabt!!! Zum Glück hatte ich heute Morgen das Innenzelt im Außenzelt separat abgebaut, so dass es ziemlich trocken war. Auch meine Luftmatratze und der Schlafsack waren lediglich etwas klamm. Für diese Fälle hatte ich mir noch die rote Gepäckrolle gekauft, um die empfindlichen Gepäckstücke seaparat und somit trocken transportieren zu können. Das zahlte sich jetzt aus.  

 

Am nächsten Morgen, der Regen machte eine kurze Pause, kamen viele Jogger und Hundebesitzer vorbei. Ups, hinter den Büschen ist ein Wohngebiet. Das hatte ich gestern nicht gesehen. Wie peinlich. Doch fast alle grüßten mich. Einer blieb sogar stehen und wollte alles von mir und der Reise wissen. Und meine Eindrücke vom TCT interessierten ihn besonders. Er stellte sich mit "Simon" vor und meinte schmunzelt zu meinem "Ernest", dass wir in Deutschland ja "Ernst" sagen würden. Er ist der Parlamentsabgeordnete dieser Gegend und war also "berufsmäßig" so interessiert. Wir unterhielten uns noch über Politik und ich ließ entschuldigend einfließen, dass ich gestern Abend sehr müde war und normalerweise auf Campingplätzen nächtige, woraufhin er nur meinte, dass diese Stelle doch gut sei. Zum Abschied zitierte er noch einen Vers aus dem Alten Testament, dem Sinn nach, dass Gott mich auf meiner Reise behüten möge. Wieder sehr nett! 

Kurze Zeit später war ein McDonald auf der Strecke und ich schrieb ja bereits, dass ich nicht deren größter Fan bin. Aber das kostenlose Wi-Fi und das man dort noch verweilen kann, nur um das Internet zu nutzen, hat schon was. Also rein da und als "Gegenleistung" für das Wi-Fi bestellte ich ein kleines Frühstück. Neben mir saßen vier alte Männer, die sich jeden Freitagmorgen hier zum Frühstück und Plausch treffen. Einer heißt Herbert, ist aus Recklinghausen und blieb hier vor 30 Jahren hängen. Wir hatten viel Spaß miteinander, die Jungs wollten mich gar nicht mehr gehen lassen. Aber da die Sonne durch die Wolken lugte, schwang ich mich in den Sattel und bei nächstbester Gelegenheit gab es eine Pause zum Trocknen. Es kam noch ein leichter Wind auf, besser konnte es gar nicht sein. Das Zelt ist ja schnell aufgebaut und so kamen Sonne und Wind in alle Ecken und ich konnte nach kurzer Zeit alles trocken einpacken.
Später kam ich wieder durch eine Farmgegend und konnte an der Straße frische Erdbeeren und Wurzeln kaufen. Ich muss ja auf ausgewogene Ernährung achten. Als ich ein Schild "Free Range Eggs" (Eier aus Freilandhaltung) las, klingelte ich, denn in meiner Eierbox hatte ich vier freie Plätze. Und es ist hier so schwer, Eierpackungen mit weniger als 10 Stück zu bekommen. Ein Mann öffnete und meine Frage nach nur vier Eiern wurde mit einem freundlichem "Shure" beantwortet. Er verschwand mit meiner Sechserbox im Stall und lehnte nach seiner Rückkehr eine Bezahlung ab. Er meinte, das sei sein Beitrag zu meiner Tour. Am nächsten Morgen, als ich zum Frühstück die Eierbox öffnete sah ich, dass er die zwei Eier, die noch drin waren, gegen frische von ihm tauschte. Wieder sehr nett!  

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Georg Weimer (Montag, 19 Juni 2017 20:21)

    Lieber Erni, ich bin aus Indien zurück und lese nun mit klopfenden Herzen deine Beiträge, ich bin täglich bei dir. Bleib gesund mein Guter.

  • #2

    Ernst (Dienstag, 20 Juni 2017 05:55)

    Hallo lieber Georg,
    schön das du wieder zuhause bist. Es hat die bestimmt gut gefallen.
    Dir auch alles Gute!