Zurück zur Küste

Eigentlich wollte ich nach den beiden "harten" Tagen heute eine Pause einlegen. Der Körper hätte es verdient gehabt. Aber es regnete noch immer und der Campingplatz bot für die Zelter noch nicht einmal eine Überdachung mit ein paar Tischen und Bänken. Man war gezwungen den ganzen Tag im Zelt zu verbringen. Hiker und Biker haben nun mal kleine Zelte und da ist es nicht so toll, den ganzen Tag drin zu hocken. Und da es auch noch nasskalt war, brach ich wieder auf. Beim Radfahren in den wasser- und winddichten Klamotten ist es wenigstens schön warm.
Diese Entscheidung war goldrichtig, denn nach nur einer Stunde schien die Sonne. Der Trail ließ sich prima fahren und es ging wohl immer ein wenig bergab, denn ich flitzte mit 22-28 km/h über den feinen Schotter, dass die Steinchen nur so zur Seite flogen. Ohne es darauf ankommen lassen zu wollen, "machte ich richtig Kilometer". Wieder durchfuhr ich eine schöne Landschaft und der Trail war teilweise mit wildem, in voller Blüte stehendem Ginster gesäumt. Leider sah ich auch immer wieder Kahlschläge der Holzindustrie. Die hat in Kanada eine große Bedeutung und deren Lobby ist sehr einflussreich.
Zügig hatte mich die Zivilisation wieder. In der Stadt Duncan gab es mal wieder nicht einen Hinweis, wo denn hier der TCT verläuft und so bemühte ich wieder mein Navi. Ich wusste das der Trail später an der Küste auf einer kleinen Straße verläuft. Ob ich genau dem Trail folgte, weiß ich nicht, jedenfalls kam ich durch eine liebliche und bäuerliche Landschaft mit kleinen, gepflegten Farmen. Und dann legte mich das Navi oder eigentlich die digitale Karte aufs Kreuz. Ich musste irgendwann wieder den Trans Canada Highway kreuzen, der hier parallel zur Küste verläuft. Nach einer langen Talfahrt avisierte mir das Gerät eine Unterführung. Aber es gab gar keine. Die Straße machte stattdessen einen 180°-Knick auf die Autobahn. Den Berg zurück wieder hochjapsen wollte ich auch nicht und so fuhr ich wieder ein paar Kilometer auf dem Pannenstreifen bis zur nächsten Ausfahrt. Diese brachte mich nach ein paar Minuten an die Küstenstraße und wieder auf den TCT. Es war schön wieder am Meer zu sein, die frische Brise zwang mich allerdings in einen Pullover. Heute war übrigens der erste Tag der Tour, an dem der "Reisecomputer" des Navis negative Höhenmeter anzeigte (Saldo aus berghoch und bergab). Ich fuhr auf dem Weg zur Küste logischerweise mehr bergab als bergauf.

Die Straße hier muss immer den gleichen Namen haben, denn obwohl die Häuser ziemlich große Abstände zueinander haben, sind die Hausnummern fünfstellig. Einige Bewohner geben sich mit ihren Hausnummern richtig Mühe. Leider verlaufen die Landstraße und die Autobahn manchmal direkt nebeneinander. Und genau an so einer Stelle liegt der Campingplatz, den ich für heute ansteuerte. Es ist der Einzige in der ganzen Gegend, und da es bereits dunkel wurde, mußte es dieser sein. Der Platz entpuppte sich als der reinste Albtraum. Nur mit einem Bretterzaun von der Autobahn getrennt, alles heruntergekommen, alle Gebäude waren abgeschlossen und, obwohl die meisten Wohnwagen beleuchtet waren, sah ich keine Menschenseele. 

Bei einem Wohnwagen stand die Tür auf und nachdem ich rief erschien ein mürrischer alter Mann. Auf meine Frage nach einem Zeltplatz zeigte er grußlos auf eine mit Unkraut bewachsene, steinige Stelle neben einem Pixieklo. Nun denn. Besser als im Dunkeln auf der Autobahn fahren. Wohlweislich baute ich nur das Zelt auf und ließ das Fahrrad bepackt. Ich wollte morgen in aller Frühe verschwinden. Kein Wasser, keine Toilette, keine Dusche, eine schmutzige, ungepflegte Zeltfläche mit spitzen Steinen. Für was soll ich hier bezahlen? Es folgte dann die schlimmste Nacht seit Langem. Der Verkehr ruht hier nie. Der Trans Canada Highway ist die einzige und wichtigste, durchgehende West-Ost-Verbindung dieses riesigen Landes. Und die Brummis sind 24/7 unterwegs. Ich dämmerte mehr vor mich hin, als das ich schlief.     

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Kommentare: 2
  • #1

    Marco (Dienstag, 20 Juni 2017 20:14)

    Das Fahrradfahren auf der Autobahn, auch wenn es sich um den Standstreifen handelt, ist aber nicht ganz ungefährlich ;)

  • #2

    Papa (Mittwoch, 21 Juni 2017 00:05)

    Stimmt. Ist hier aber üblich. Es gibt ja nur diese eine Autobahn in Kanada. Im Ländlichen ist sie auch mehr Landstraße. Und oft die einzige Straße weit und breit. Daher müssen auch die Radler sie fahren.