Der TCT auf Vancouver Island - erste Bärensichtung und physische Grenzen

Mile "0" vom Trans Canada Highway
Mile "0" vom Trans Canada Highway

Der offizielle Startpunkt des TCT an der Pazifikküste war eine Enttäuschung. Die Stadt Victoria hat noch nicht einmal einen offiziellen Startpunkt spendiert.

Für das obligatorische Startfoto mußte einen Kilometer weiter der Beginn des Trans Canada Highway herhalten. Hier hat der kanadische Automobilclub ein "Mile 0"-Schild aufgestellt.

Durch Victoria führt der TCT entlang der Küste und am Binnenhafen vorbei. Das kannte ich bereits von meinen Ausflügen. Am Stadtrand beginnt eine stillgelegte Eisenbahntrasse, die schon seit Jahren als "Galloping Goose Trail" eingerichtet ist und nun in den TCT integriert wurde. Warum der Trail "galoppierende Gans" heisst konnte mir niemand beantworten. Aber alle lachten bei meiner Frage. Eine Dame meinte grinsend: "Da muss erst ein Deutscher fragen, daß mir der komische Name auffällt." Ja, so sind sie, die germans - immer pingelig und genau. Wahrscheinlich lief einmal eine Gans vor der Eisenbahn auf den Gleisen. Der Weg ist asphaltiert und hat in regelmäßigen Abständen Rastplätze mit Trinkwasser. So konnte ich meine Flaschen immer wieder auffüllen - prima. 

Der Cowichan Valley Trail als Teil des Trans Canada Trail
Der Cowichan Valley Trail als Teil des Trans Canada Trail

Teil des TCT auf Vancouver Island - eine ehemalige Eisenbahnstrecke

Sind die Außenbezirke von Victoria zuende, geht der Trail in eine gut zu befahrende Schotterpiste über und führt durch endlosen Wald. Über dem Pfad schließen sich die Bäume zu einen Tunnel. Es roch herrlich frisch nach Wald und ab und zu reflektierte ein See die Sonne zwischen den Bäumen. Aber schade, es kommen keine Wasserzapfstellen mehr. Das wäre allerdings auch ein bißchen viel verlangt. Während einer kurzen Trinkpause hörte ich ein kratzendes und japsendes Geräusch. Ich sah unterhalb vom Weg wie sich zwei kleine Schwarzbären einen Baum hoch und runter jagten. Ich war sofort alarmiert, den wo die Jungen sind ist auch Mamabär nicht weit. Und da sah ich sie schon unten am Stamm stehend und total auf mich fixiert. Aber die 40m Abstand waren ihr wohl genug, um ihre Kinder in Sicherheit zu wähnen. Statt das Tele herauszuholen, machte ich  schnell einen Schnappschuß und fuhr langsam, so dass es nicht nach Flucht aussah, weiter. Die Geduld einer Bärenmutter sollte man nicht auf die Probe zu stellen.

 

Ich wußte das der TCT vom Galoping Goose Trail abzweigt, aber es war nirgendwo beschrieben wo. Ich fragte drei einheimische Radler, ab und zu kamen mir welchen entgegen, und bekam drei verschiedene Antworten. Also hielt ich nach einem Schild Ausschau. Aber es kam keins. Da der Tag sich ohnehin dem Ende neigte, beschloß ich noch bis zum nächsten Camp zu fahren. Dieses, wunderschön mitten im Wald gelegen, wurde von "Natives" (Ureinwohner/Indianer) betrieben, da diese Gegend zu ihrem Reservatsgebiet gehört. Diese sehr freundlichen Menschen erklärten mir, dass der TCT schon 25 km vor dem Camp abzweigt. Wenn der Weg nicht so schön gewesen wäre, hätte ich mich über diese 50 km Umweg geärgert, aber so....

Schnell war das Zelt aufgebaut, Abendbrot gemacht, alles was riecht in einem Beutel bärensicher hoch gehängt und als der Reissverschluß vom Schlafsack noch nicht ganz zu war, schlief ich auch schon.

Ich schlief bis 7 Uhr durch und "genoß" bei 8° meine mitgebrachte Dusche, denn hier gab es nur Plumsklos und einen Wasserhahn. Vom Camp führte auch eine kleine Straße in die Nähe der Stelle, wo der TCT seinen Abzweig hat. Das Navi berechnete hierfür nur 10 km, satt der 25 km auf dem Trail. Kuzerhand beschloß ich die Straße zu nehmen, was sich als Fehler erwies. Eine Eisenbahntrasse hat nie mehr als 2,5 % Steigung bzw. Gefälle. Mehr schafften die Züge nicht. .......aber Autos schaffen deutlich mehr. Und so ging die Straße hoch und runter, hoch und runter, mal etwas steil und mal richtig steil. Ich keuchte ganz schön die Steigungen hoch und da das Bergabfahren zwar sehr schnell aber dafür auch sehr kurz war, reichte diese Zeit nicht zur Erholung. Und so leerten sich die Akkus in meinen Beinen zusehens. Zudem verfuhr ich mich noch in einem Ort names Langford. Der ist flächenmäßig sehr groß und besteht aus vielen Ortsteilen. Diese heißen aber, nicht so wie in Buchholz, wo jeder Ortsteil seinen eigenen Namen hat, alle Langford. Von den Kanadiern bekam ich wieder viele abweichende, zum Teil gegensätzliche Antworten. Irgendwann kreuzte ich den "Highway 1" und entdeckte ein Schild "Bike-Route", das auf den Pannenstreifen des autobahnähnlichen Highways führte. Ich wollte zu einem speziellen Campingplatz und ließ mein Navi die Entfernungen sowohl im Auto- als auch im Fahrradmodus rechnen: Fahrrad 57 km, Auto 28 km. Ich fuhr sofort auf den Highway und machte eine ganz neue Radlererfahrung, als die Brummis und PKW`s an mir vorbei rauschten. Bei den Aus- und Auffahrten müssen diese ja überquert werden, wozu es extra Hinweisschilder für die Radfahrer gibt "Cross here, when safe". Sehr hilfreich. Aber die kanadischen Fahrer kennen das, denn man bremste meistens ab, wenn meine Absicht des Querens erkennbar wurde. Aber auch Highways führen die Berge hoch und ich hatte einen ganz gemeinen, 6,5 km langen Anstieg. Und mittleweile zeigte das Thermometer 31°. Ich schuftete mich da mit Puls 160 hoch. Den letzten Kilometer schaffte ich nur noch etappenweise. Ich nahm mir immer ein kürzers Ziel, z.B. ein Schild vor. Erreichte ich das, stoppte ich und als der Puls auf wieder auf 130 runter war, keuchte ich zum nächten Ziel. Oben angekommen wartete eine Belohnung auf mich. Eine kleine Raststätte mit einem Bäcker der fantastischen Apple-Cinnamon-Flan (Apfel-Zimt-Torte) anbot. Das hatte ich mir jetzt verdient und so genoß ich bei einer großen Portion die herrliche Aussicht auf einen von Bergen umrahmten See. Die Bergabfahrt glich dann einer Schußfahrt. Ich bretterte mit 62 km/h ohne zu Treten, die Gangschaltung hätte auch im letzen Gang nichts mehr gebracht, den Berg hinunter. Unten kam denn auch schon die Abfahrt zum Campingplatz. Die letzten KM auf einer kleinen Landstraße verlangten mir nochmals die allerletzten Kraftreserven ab, denn es ging natürlich.......bergauf. Mit Einbruch der Dunkelheit stand ich mit brennenden Beinmuskeln vor der Rezeption. Das Zelt baute ich stöhnend auf und unter der Dusche ließ ich das heiße Wasser genußvoll an mir herunter laufen. Abendbrot fiel heute aus. Ich kroch in den Schlafsack und verfiel augenblicklich in einen absoluten Tiefschlaf. Das war sowohl eine Lehre, als auch die Erfahrung, das 120 km mit Tagesgepäck in der Lüneburger Heide nichts sind im Vergleich zu 60 km mit vollgepacktem Rad in den Bergen. Also, gut das es bis zu den Rocky Moutains noch ein paar hundert Kilometer sind. Bis dahin muß ich konditionell noch zulegen. Sonst werde ich dort nichts.                    

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Kommentare: 5
  • #1

    Inga (Montag, 12 Juni 2017 14:22)

    Puh, das ist ja schon beim Lesen anstrengend! Aber lass dich nicht entmutigen, du hast ja eine gute Grundkondition. Gibt es denn keine Infos über den Zustand des jeweiligen Trailabschnitts und wird der irgendwie "gewartet"? Hoffe, du kannst jetzt erstmal wieder auftanken und hast auch jede Menge Magnesium dabei! Take care and keep on going. Glg!

  • #2

    Bruderherz (Montag, 12 Juni 2017 21:43)

    Ja, Schwesterlein. Nach zwei aufeinander folgenden "harten Tagen" bekam ich nachts Krämpfe. Am nächsten Tag kaufte ich mir Magnesiumtabletten.

  • #3

    Der Heidjer Radler (Montag, 19 Juni 2017 23:08)

    Tolle Reiseberichte, es macht Spass diese zu Lesen

  • #4

    Christiane Metz (Mittwoch, 11 Oktober 2017 17:08)

    Gänse machen doch so einen Krach, wenn sie laufen - vielleicht als Vergleich zum pfeifenden Zug?

  • #5

    Ernst Weber (Mittwoch, 11 Oktober 2017 20:56)

    Ha ha, der Gedanke gefällt mir!!!